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CI, Gehörlosigkeit und das Bundesministerium für Bildung und Forschung

Ob dieser Beitrag hierher gehört, weiß ich nicht, veröffentlichen möchte ich ihn trotzdem an dieser Stelle.

Mit meinem Studium zum Gebärdensprachdolmetscher habe ich die Gebärdensprache als eine fazinierende Sprache kennen gelernt. Oftmals werde ich gefragt „Kann man damit alles ausrücken?“ und ich bin jedesmal versucht zu erwidern „Ja, es tut mir leid dir das sagen zu müssen, aber wir Lautsprachlichen stinken ganz schön ab – damit lässt sich viel mehr, sehr viel präzieser ausdrücken!“.

Sofern man sich darauf einlässt (und anders ist das Studium wohl nicht zu machen) bekommt man auch eine völlig neue Kultur geschenkt. Gebärdensprache ist hier das verbindende Element, das einem Zugang in eine fazinierende Welt gibt. (Wie es der Zufall will, haben wir hier auch unseren neuen Mitarbeiter kennen gelernt, der ab Juli unser Team unterstützen wird.)

Warum dieser „Ausflug“?

Vor einiger Zeit erreichte mich eine E-Mail mit einem Aufsatz im Anhang zum Thema „Haben gehörlose Kleinkinder ein Recht auf ein Cochleaimplantat?“.

In diesem plädieren Frau Dr. phil. Dipl.-Phys. Sabine Müller und Frau Zaracko (Juristin) dafür, dass, sofern sich Eltern weigern ihrem gehörlosen Kind ein Cochleaimplantat einsetzen zu lassen, dies gegebenfalls mit einem Sorgerechtsentzug zwangsweise durchführen zu lassen. Zu diesem Schluss kommen die beiden Autorinnen, weil die „Deaf Community“ überspitzt gesagt, wohl das Schlimmste sein kann, was einem gehörlosen Jugendlichen passieren kann.

Dies zeigt schon, dass hier wieder einmal nur auf die rein medizinische Seite geschaut wurde. Von allem Anderen, was das wirkliche Leben eines gehörlsoen Menschen betrifft, scheinen die beiden Autorinen keinen Schimmer zu haben.

Hier werden Thesen aufgeworfen, die sich für jeden interessierten Menschen und jeden, der schon einmal mit dem Thema „Gebärdensprache“ zu tun hatte, direkt als haltlos heraus stellen.

Herr Heßmann, Professor an der Fachhochschule Magdeburg, hat sich die Mühe gemacht, dies mit Quellen zu unterlegen (Anm. zu Müller & Zaracko 2010).

Und das Bundesministerium für Bildung und Forschung

Die Krone wird dem Ganzen dadurch aufgesetzt, dass dieser Artikel „vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt (Förderkennzeichen 01 GP 0769 und 01 GP 0804)“ wird. Hier werden Gelder für schlampige Recherchen ausgegeben, die dazu führen könnten, dass Eltern in solch wichtigen Fragen das Sorgerecht entzogen wird, ohne dieses komplexe Thema auch nur eine Minute von einer anderen Perspektive zu beleuchten. Das lässt mir kalte Schauer den Rücken runter laufen!

Ich wünsche mir, dass die beiden Autorinnen den für sie sicher großen Schritt wagen, einen Gebärdensprachkurs zu machen und mit Gehörlsoen in Kontakt zu treten. Ich bin mir sicher, am Ende würden sie zu einem ganz anderen Ergebnis gelangen, das die Gehörlosengemeinschaft nicht als Gegenpol, sondern als Bereicherung für unsere Gesellschaft sieht.

Joscha Krug ist Gründer und Geschäftsführer der marmalade GmbH aus Magdeburg. Mit seinem stetig wachsenden Team realisiert er schon seit 2009 E-Commerce Projekte mit OXID eShop und Shopware. Er ist Autor der beiden OXID Bücher, erschienen bei o'Reilly.

3 Kommentare zu:

CI, Gehörlosigkeit und das Bundesministerium für Bildung und Forschung

  • Brigitte

    Ich gebe Ihnen vollkommen Recht, auch ich habe diesen Artikel gelesen und war völlig entsetzt. Ich weiß, dass mit dem CI sehr viel Geld verdient wird. Sicherlich ist das Ci, medizinisch gesehen, auch eine segensreiche Erfindung und angebracht im Einzelfall, aber alle gehörlosen Kinder zwangsoperieren…NEIN! – ich denke, diese Zeiten haben wir doch hinter uns, oder etwa nicht?

  • He write silent

    Diesesn Artikel ist in meinem Augen zu realtitätsfremd, kein Wunder warum die zwei Autorinnen vom Bundesministerium finanziert bekommt. Sie können mein Blog über Cochlear Implanat und die Krankenkasse lesen und vielleicht zum nachdenken anregen.

  • Joscha Krug

    @He write silent: Der Rückschluss, nur weil die beiden Damen von diesem Ministerium finanziert werden, wäre der Artikel schlecht recherchiert, ist sicher falsch und ist mit sicherheit genauso falsch recherchiert (wenn überhaupt), wie einige der Aussagen in dem Artikel.

    Hier hilft eine sachliche Diskussion sicher mehr, als ein plumpes Zurückschießen.

  • Kommentare geschlossen.