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Wie man keine Anfragen verschickt

ich hatte heute mal wieder eine ganz besonders gruselige Anfrage im Posteingang. Normalerweise reagiere ich darauf ja gar nicht mehr. Aber da die Anfrage so herrlich exemplarisch ist, habe ich sie beantwortet und möchte sie mit euch teilen.

Die Daten sind anonymisiert. In der Anfrage ist außer den gekennzeichneten [] Änderungen nichts abgewandelt worden. Da die Mail an 21 Agenturen ging, verrate ich damit auch nichts Geheimes. Generell gilt bei uns: Je „mysteriöser“ etwas ist und je härter die NDA die wir unterzeichnen sollen, desto trivialer ist das Produkt am Ende.

Guten Tag,
mein Name ist [Mister X]. Ich bin [YY] Jahre alt und studiere an der TU [Stadt].
Durch Internetrecherchen bin ich auf Euch aufmerksam geworden. Ich richte mich an Euch, da ich auf der Suche nach einem Partner zur Entwicklung meines in Planung stehenden SaaS-Produktes bin.
Vorab möchte ich erwähnen, dass ich absolut kein „Techie“ bin. Deswegen: einerseits Dinge so erklären, dass ich sie auch verstehe, andererseits mich unverzüglich darauf hinweisen, wenn Vorstellungen und Wünsche von mir nicht umsetzbar, praktikabel oder anzuraten sind.
Mein Anliegen besteht also darin, dass Ihr mir ein von mir bereits konzipiertes SaaS-Produkt entwickelt. Man könnte es auch als webbasierte Applikation umschreiben. Meiner Meinung nach ist der technologische Anspruch nicht sehr hoch, es handelt sich weniger um ein technologie-innovatives Produkt, eher um ein konzept-innovatives Produkt. Ich habe in den letzten Wochen bereits viele Maßnahmen ergriffen, natürlich auch solche, welche die spätere Entwicklung unterstützen: Erstellung von PDF-Material zur Veranschaulichung der Funktionalität, des gewünschten Seitenaufbaus und des generellen Umfanges, einer Auflistung gewünschter Funktionen und Komponenten, Bestimmung des Designs sowie der Anforderungen an den Entwickler.
Folgende grundlegende Anforderungen stelle ich an die Entwicklung:
  • gern unter Zuhilfenahme vorgefertigter Softwarepakete
  • Erstprogrammierung muss längere Zeit ohne programmierende Einflüsse auskommen
  • sie muss so konzipiert sein, dass ich in der Lage bin eigenständig das Tagesgeschäft abzuwickeln
  • sie sollte vorerst einfach und simpel sein und sich auf die wesentlichen Funktionen beschränken
  • der Programmcode muss sauber und ordentlich strukturiert sein, sodass er entwickelbar ist
  • Suchmaschinenoptimierung wurde für den Anfang bedacht
  • Responsive Design, jedoch zu Beginn keine klassische App
  • Kerndesgin: schlicht, hell, modern, funktional
Das zu entwickelnde Produkt würde ich folgendermaßen umschreiben:
  • Technologisch einfach gelagertes SaaS-Produkt bzw. webbasierte Applikation -> nicht technologie-innovativ, sondern konzept-innovativ
  • Wird durch Unternehmer genutzt, welche es an ihren Kunden anwenden
Zusammenfassung der Funktionen der Web-Ansicht:
  • Login
  •  „kostenlos testen“
  • Eine [ZZ]-stellige Code-Eingabe
  • Automatismus für Generierung, Druck bzw. elektronische Übermittlung einer Art Quittung
  • Benachrichtigungen: automatische Übermittlung einer Art Quittung per Email, automatische Unterbreitung einer kostenpflichtigen Mitgliedschaft nach Ablauf der Testphase, automatische und manuelle Supportrückmeldung, automatisierte Verifizierung der Email bei Registrierung, automatische Rechnungsstellung per Email
Zusammenfassung der Komponenten der Web-Ansicht:
  • Bzgl. Design: Logo (welches schon existiert, muss gleichzeitig als Home-Link dienen), Einbindung eines kurzen erklärendes Videos auf Startseite (um wessen Herbeischaffung ich mich kümmern werde), gutes Template/ Grunddesign
  • Rechtliches: Einbindung von Impressum, Datenschutz, AGB (diese Informationen würde mein mit dem Projekt vertrauter IT-Fachanwalt erstellen)
  • Einbindung der sozialen Netzwerke
  • Support-Funktion (E-Mail-Kontaktformular)
  • Mein … (erscheint sobald eingeloggt: wie beispielsweise „Mein Ebay“): untergliedert: „Meine …“, „Einstellungen“, „… erstellen“,
„Nutzungsreport“ (zeigt an wie intensiv der Service vom Unternehmer genutzt wurde), „Meine Rechnungen“
  • Eine spezielle Quittung
  • Über …: Die Idee hinter …, Funktionsweise von …, Vorteile, Kostenmodell
  • „Hallo …“ bzw. „angemeldet als …“
  • Viel mehr möchte ich an dieser Stelle zum Produkt noch nicht preisgeben
Auch wenn ich bis jetzt nicht auf die Essenz, also z.B. die Geschäftsidee eingegangen bin, nehme ich an, dass Ihr mittlerweile ungefähr euren Workload einordnen könnt. Um nun also weitere Schritte gemeinsam zu gehen, benötige ich von Euch eine Preisspanne (min. wird es kosen…, max. wird es kosten …) für einen Gesamtpreis. Ich bitte darum, min. und max. so nah aneinander zu halten, wie es Euch möglich ist. Dieses min. und max. sollen verbindlich sein, falls es zu weiteren Schritten kommt. Weitere Informationen könnt Ihr gerne erfragen, falls Euch meine Angaben nicht genügen. Ich verlange von Euch im Übrigen keinerlei Reisetätigkeit. Falls Ihr aus welchen Gründen auch immer von einer Zusammenarbeit abseht, ignoriert mein Schreiben bitte.
Ich bin gespannt auf Eure Rückmeldung
Mit freundlichen Grüßen, gezeichnet [Mister X]
Wie angedeutet habe ich in der Antwort kurz erklärt warum ich so nicht anbieten kann. Außerdem habe ich Mister X noch ein paar ernst gemeinte Tipps gegeben.
Hallo [X],

das ist die schlimmste Anfrage, die ich seit langem hatte.

a) du zeigst schon in der Anfrage, dass du relativ wahllos, zig Agenturen anfragst: Ich bin mal so frei und setze die Kollegen auch in Cc

b) du sagst nicht, was zu tun ist (außer, dass es sehr innovativ sein soll), wir sollen aber einen fixen Preis angeben für diese undefinierte Leistung: ja ne, ist klar!

c) „wir wissen ja was sowas etwa kostet“: Ja, bei uns zwischen 100k und 850k vielleicht mehr

d) du willst ein Saas-Produkt ohne Kosten nach der Erstellung: das ist fern jeder Realität

Ich gebe dir ganz kostenfrei drei erst gemeinte Ratschläge:

1. Lies ein Buch zu „Lean StartUp“
2. Lerne Programmieren, es ist einfacher als du denkst
3. rede mit möglichst vielen Leuten über deine Idee und hole dir Feedback – niemand wir dir die Idee klauen, weil sie ohne Umsetzung nichts wert ist.

Viel Erfolg!

Joscha

Joscha Krug ist Gründer und Geschäftsführer der marmalade GmbH aus Magdeburg. Mit seinem stetig wachsenden Team realisiert er schon seit 2009 E-Commerce Projekte mit OXID eShop und Shopware. Er ist Autor der beiden OXID Bücher, erschienen bei o'Reilly.

2 Kommentare zu:

Wie man keine Anfragen verschickt

  • Olli

    (-:

    …aber hey, immerhin. PDF-Material gibt es. Vielleicht könnt ihr das auch in TXT-Material oder sogar in DOC-Material konvertieren?
    Außerdem, so schwierig kann das wohl nicht zu realisieren sein, denn „gern unter Zuhilfenahme vorgefertigter Softwarepakete“. Nein. Doch! OHHHH!

  • Kommentare geschlossen.